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Was Werte wert sind

Freitag, 11. März 2011

Ich habe in den letzten Wochen viel über Werte nachgedacht. Über die immateriellen. Und darüber, welche Werte es eigentlich gibt und welchen Wert ich als besonders wertvoll empfinde.

Anders als bei den 10 Geboten sind Werte weder vorgegeben noch gibt es eine Liste, in der man alle Werte nachlesen kann. Sie werden nicht wie der Duden jedes Jahr überarbeitet und es gibt auch keine Gesellschaft, die prüft, ob ein neuer Wert aufgenommen wird. Geschweige denn ein Amt, bei dem man neue Werte einreichen oder ihre Definition festlegen oder nachfragen kann. Wir sprechen zwar von Wertekanon oder Wertesystem, wissen aber eigentlich nicht, welche Werte in diesem System alle enthalten sind oder sein müssen. Und haben die Freiheit unser eigenes Wertesystem so zusammenzusetzen wie wir es für richtig halten. Werte sind intrinsisch, häufig subjektiv (zumindest die immateriellen Werte) und machen uns zu dem was wir sind.

Werte, die mir spontan einfallen (wahrscheinlich weil sie mir wichtig sind) sind Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit, Familie, Freundschaft, Integrität, Authentizität, Loyalität, Vertrauenswürdigkeit, Gradlinigkeit, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Harmonie, Tapferkeit, Disziplin, Selbstreflexion und Selbstkritik. Wobei ich noch nicht mal weiß, ob das wirklich alles Werte sind bzw. was einen Wert zum Wert macht. Aber egal, für mich sind das Werte. Und das ist wahrscheinlich entscheidend.

Der stärkste Wert ist für mich, sich selbst treu zu bleiben. Selbsttreue also, wenn man es in einem Wort oder Wert ausdrücken möchte.

Erstens weil Selbsttreue viele andere Werte beinhaltet wie z.B. Authentizität, Gradlinigkeit, Aufrichtigkeit, Selbstreflexion und Selbstkritik. Also eigentlich ein Meta-Wert ist. Und zweitens, weil die Definition dieses Wertes für jeden Menschen anders ist. Denn jeder Mensch ist anders und damit ist auch jeder Mensch etwas anderem treu. Nämlich im Idealfall sich selbst. Das macht diesen Wert sehr einzigartig und besonders.

Während Werte wie Verbindlichkeit, Loyalität, Harmonie und Disziplin sehr klare Definitionen haben und von vielen Menschen gleichermaßen verstanden und auch gelebt werden, ist es bei „sich treu bleiben“ ganz anders. Das definiert jeder für sich selbst. Und lebt diesen Wert entsprechend auch anders.

Außerdem ist dieser Wert sehr gegensätzlich. Einerseits ist Selbsttreue für einen selbst und Andere viel weniger greifbar als die übrigen Werte. Denn Selbsttreue beinhaltet nicht nur, dass man sich selber sehr genau kennen und sehr genau über seine Werte und Wünsche nachgedacht haben muss. Selbsttreue beinhaltet vor allem auch, dass andere Menschen erst lernen und verstehen müssen, wer man eigentlich ist und welches Wertesystem man für sich definiert hat, bevor sie erkennen können, ob die Person sich treu ist oder nicht. Ist dieser interne und externe Prozess aber vollzogen, wird ein Mensch so transparent und nachvollziehbar wie bei keinem anderen Wert.

Desweiteren ist es bei Selbsttreue völlig unerheblich ob man extro- oder introvertiert, Familienmensch oder Einzelgänger, optimistisch oder pessimistisch, loyal oder illoyal, harmonie- oder streitsüchtig ist. Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist, dass man selber weiß, wer man ist, wo man steht, wie man auf andere wirkt und was man erreichen möchte. Und sich dabei treu bleibt. Denn dann wächst dieser Wert über sich hinaus. Dann verkörpert man das, was man nach innen ist auch nach außen. Und bringt damit Selbst- und Fremdbild in Einklang. Wird verlässlich und authentisch.

Nun mag jemand sagen, dass man auch gar keine Werte haben und sich trotzdem treu sein kann.  Das stimmt, ist aus meiner Sicht aber kein Problem. Denn wenn jemand ausstrahlt oder vermittelt, dass er keine Werte hat und sich selbst dabei treu bleibt, dass er keine Werte hat, dann weiß das jeder und kann sich darauf einstellen.

Und nur darum geht es bei den anderen – einfacher zu greifenden – Werten ja auch. Dass man sich auf sein Gegenüber einstellen kann. Dass man versteht, was einen anderen Menschen antreibt, bewegt und motiviert, was ihm wichtig ist und was nicht.

Was ihn „Wert“-voll macht. Und was eben nicht.