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Wer Zuwanderung stoppt wird Abwanderung ernten

Dienstag, 12. Oktober 2010

Wer zur Zeit über Zuwanderung und Integration spricht begibt sich auf ein Minenfeld. Denn jeder interpretiert das Thema so wie er es verstehen möchte und eine sachliche Diskussion ist kaum möglich. Ich möchte trotzdem darüber schreiben. Und zwar, weil mir das Thema Zuwanderung seit einigen Wochen mehr denn je am Herzen liegt. Und das liegt daran, dass bei Panfu zwanzig verschiedene Nationalitäten arbeiten und über die Hälfte unserer Mitarbeiter nicht aus Deutschland kommen.

Tendenz steigend.

Ich bin stolz darauf, dass wir bei Panfu nicht über Integration reden, sondern sie leben. Mein großer Wunsch ist, dass internationales, multikulturelles Arbeiten in Deutschland nicht die Ausnahme, sondern die Regel wird. Weil es ein Mehrwert für alle Beteiligten ist.

Denn ohne Zuwanderer wäre unser Unternehmen nicht da, wo es heute ist. Ohne unsere ausländischen Fachkräfte hätten wir kaum eine IT, kein Business Intelligence department, kaum Graphiker und nur wenig Game Designer.

Zuwanderung und Integration sind in einem solchen Arbeitsumfeld keine abstrakten Themen, sondern unser tägliches Leben. Bei zwanzig verschiedenen Nationalitäten hat man keinen Integrations-Masterplan. Man beschließt einfache Dinge, die Integration begünstigen. Nämlich, dass die Unternehmenssprache Englisch ist, damit die Fachkräfte sofort losarbeiten können. Und dass es zwei Mal pro Woche Deutschunterricht im Büro gibt. Alles weitere entsteht von selbst.

Alle bei uns im Unternehmen wissen, dass es nur miteinander geht und keiner sieht unsere bunte Mitarbeiter-Mischung als Risiko. Sondern allein als Chance. Denn diese Mischung bietet uns Allen die Möglichkeit mitten in Deutschland international arbeiten zu können. Wir Deutschen müssen nicht auswandern, um die Vorteile von internationalen teams erleben zu dürfen, dafür durften und wollten unsere ausländischen Mitarbeiter zuwandern. Ein absoluter Traum. Nicht nur für uns.

Denn stellt Euch folgende headline vor:

Hochqualifizierte Menschen wandern nach Deutschland ein und hochqualifizierte Deutsche wandern nicht mehr ins Ausland ab.

Der bestcase für Deutschland. Und leider in keinster Weise die Realität.

Denn im vergangenen Jahr wanderten 721.000 Menschen nach Deutschland ein, zugleich zogen aber 734.000 fort.

Und obwohl die Fakten auf der Hand liegen, dass wir – nicht nur aufgrund des Geburtenrückgangs – qualifizierte Zuwanderung brauchen, wird Zuwanderung von Herrn Seehofer pauschal abgetan mit den Worten:

“Es ist doch klar, dass sich Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen, wie aus der Türkei und arabischen Ländern, insgesamt schwerer tun. Daraus ziehe ich auf jeden Fall den Schluss, dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen.”

Das ist in dreierlei Hinsicht dumm.

Erstens senden wir damit das Signal an ausländische Fachkräfte „Wir wollen Euch nicht mehr“. Damit schaden wir leider nur uns selbst, denn uns gehen wertvolle Ressourcen verloren und andere Ländern nehmen diese Fachkräfte mit offenen Armen auf.

Zweitens haben wir einen akuten Fachkräftemangel in Deutschland und die bessere Förderung der inländischen Ressourcen kann maximal eine begleitende Maßnahme aber keine Lösung sein. Schon gar keine kurzfristige.

In der heutigen Weltkompakt steht dazu sehr treffend:

Eklatant zeigt sich der Mangel bei Ingenieuren und IT-Spezialisten. Selbst im Krisenjahr 2009, so klagt der Verein Deutscher Ingenieure, konnten 34.000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden. 3,4 Milliarden Euro habe dies der Gesamtwirtschaft gekostet. In Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik fehlten nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft im Juni 2010 bereits 65.000 Fachkräfte. Es mangelt aber nicht nur an Hochqualifizierten für die Industrie, Engpässe gibt es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit auch bei Ärzten und Altenpflegern, bei Lehrern, Elektrikern und in den Metallberufen.

Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags beklagen 70 Prozent der Unternehmen Probleme bei der Besetzung von Stellen. Der Mangel dürfte sich noch verschärfen. Wegen des Geburtenrückgangs geht das Arbeitskräftepotenzial bis zum Jahr 2030 um sechs Millionen Menschen zurück. Nötig seien mindestens netto 500.000 mehr Menschen pro Jahr, um unsere Wirtschaftskraft zu sichern, meint Zimmermann vom DIW.

Drittens bezieht sich Seehofer auf einen Zustand, den es gar nicht gibt: den massenhaften Andrang von ausländischen Arbeitskräften. Wir haben kein Zuwanderer-, sondern ein Abwanderer-Problem. Und das lösen wir nicht, in dem wir Zuwanderung unterbinden.

Viel mehr muss die Politik aufpassen, dass ihre Aussagen zum Stopp der Zuwanderung nicht zur Auswanderung führen. Denn wenn Jobs freibleiben, weil wir sie mit Menschen aus Deutschland nicht besetzen können und mit Menschen aus dem Ausland nicht besetzen wollen, gefährdet das unsere Unternehmen und den Wirtschaftsstandort. Denn dann wandern Unternehmen ab und finden ihre Mitarbeiter im Ausland. Vor allem auch qualifizierte deutsche Mitarbeiter.

Denn die dürfen in andere Ländern einwandern.

Beiträge zu diesem Thema in den Medien:

Der ZDF-Beitrag über Panfu zu diesem Thema: Zuwanderung von Fachkräften

Der ARD-Beitrag über Panfu zur Zuwanderungsdebatte: Streit über Zuwanderung

Der Artikel in der Berliner Morgenpost zum Thema: Warum Deutschland Zuwanderer benötigt

Der Artikel in der Welt am Sonntag: Deutschlands gefährliche Zuwanderungslüge