Artikel-Schlagworte: „Digital Relations“

Social Media für B2B-Unternehmen – was ist wirklich sinnvoll?

Donnerstag, 20. Januar 2011

Seit Wochen habe ich hier nichts geschrieben. So viele Themen sind in meinem Kopf gewesen, aber bei keinem habe ich mich wirklich kompetent oder berufen gefühlt, darüber zu schreiben. Und es waren einfach auch noch so viele andere Themen in meinem Kopf, über die ich nicht schreiben wollte, so dass ich eine regelrechte Schreibblockade hatte. Heute war der Relaunch von Panfu in 12 Ländern und nachdem dieser nun erfolgreich live gegangen ist, habe ich wieder Platz frei für andere Gedanken.

Beim Thema Social Media für B2B-Unternehmen fühle ich mich auch nicht kompetent, aber ich habe zumindest eine klare Meinung. Und die stelle ich gerne zur Diskussion.

Der Grund, warum ich über dieses Thema schreibe ist, dass ich von vielen Unternehmen angesprochen wurde, die keine Endverbraucher als Kunden haben, sondern in erster Linie andere Unternehmen oder Händler. Und deren Marken beim Endverbraucher so gut wie nicht bekannt sind. Und auch nicht bekannt sein müssen. Trotzdem fragen sich diese Unternehmen natürlich, ob nicht auch sie transparenter und präsenter im Internet sein müssten? Und vor allem wie sie das richtig anstellen? Und ob das überhaupt Sinn macht? Und wenn ja, welchen?

Meine Antwort ist: Ja.

Ja, es macht Sinn, wenn sich auch B2B- Unternehmen mit mehr als einer Standard-Unternehmenswebsite im Netz präsentieren. Und zwar nicht, weil man das heutzutage macht, sondern weil auch sich für sie genauso wie für jedes B2C-Unternehmen Mitarbeiter, potentielle Mitarbeiter, Presse, Öffentlichkeit und Kunden interessieren. Und da sich Social Media in den seltensten Fällen als echte Vertriebsmaschinerie eignet, sondern in erster Linie der Kommunikation mit der Öffentlichkeit dient und im besten Fall Vertrauen in ein Unternehmen stärkt und Neugier für dieses weckt, sollte Social Media nicht allein B2C-Unternehmen vorenthalten sein.

Nur machen bei B2B-Unternehmen viel weniger Social Media Kanäle, Tools oder Instrumente Sinn (oder wie immer man facebook, Twitter, Flickr, Youtube, foursquare, Blogs etc. nennen möchte). In meinen Augen sogar nur eins: Das Unternehmens-Blog.

Twitter macht für ein B2B-Unternehmen überhaupt keinen Sinn. Denn auf Twitter sind zwar viele Multiplikatoren und Meinungsmacher, aber was nutzt es einem, wenn man kein Produkt hat, welches sich am Ende per word-of-mouth verbreiten kann.

Für facebook gilt im Prinzip dasselbe. Auch hier werden weder zukünftige Mitarbeiter, noch B2B-Kunden, noch die Presse sich ein Bild über das Unternehmen machen. Denn es wird verdammt schwierig sein eine B2B-facebook-Seite wirklich zum Leben zu erwecken und am Leben zu halten, wenn man eine beim Endverbraucher unbekannte Marke/unbekanntes Unternehmen ist. Denn das wird kaum jemanden interessieren.

Für Flickr, Youtube, foursquare und alle weiteren “Endverbraucher-Tools” gilt dasselbe. Wie soll ein Textilfabrikant oder ein Chiphersteller von foursquare profitieren, wenn maximal die eigenen Mitarbeiter in die Lager- oder Fabrikhalle einchecken und dafür dann auch sicherlich nichts umsonst bekommen.

Was bleibt ist ein Unternehmens-Blog. Nichts Neues werdet Ihr denken, aber definitiv etwas Neues für B2B-Unternehmen. (Ich nehme alle Werbe-, Online- und Social-Media-Agenturen aus, die sich hauptberuflich mit diesem Thema beschäftigen).

Denn mit einem Unternehmens-Blog haben unbekannte, kleine oder große, schwer einzuschätzende hidden champions, die großartige Chance ihrem Unternehmen ein Gesicht zu geben. Und Kompetenz auszustrahlen. Und ein Thema zu besetzen. Und sympathisch zu sein.

Wenn z.B. ein Textilunternehmen, welches beinahe ausschließlich technische Gewebe, Funktions- und Objektstoffe produziert ein solches Blog hätte, dann würden neue Mitarbeiter, Kunden sowie jeder, den dieses Thema interessiert, eine Anlaufstelle haben, bei der man mehr über das Unternehmen hinter den Kulissen erfährt als irgendwo sonst. Die Mitarbeiter müssten die Blogposts natürlich selbst verfassen. Das sollte keine Agentur machen. Man würde 6-10 Mitarbeiter auswählen, die gerne schreiben und Spaß an einem solchen Blog hätten. Sie würden ca. zwei Mal pro Woche bloggen, so dass jeder alle 3-5 Wochen an der Reihe wäre. Sie würden Fotos ihrer Büros posten, ein Video eines Messebesuchs drehen, über die Trends der Branche schreiben, Mitarbeiter des Unternehmens vorstellen, von Geschäftsreisen berichten, den Produktionsprozess darstellen und vieles mehr. So ein Blog wäre im Minimum ein sehr starkes Recruiting-Instrument, welches eine deutliche Differenzierung zu anderen Unternehmen darstellen würde. Im Maximum wäre es mehr wert als jede Hochglanz-Unternehmensbroschüre da das Blog authentisch, menschlich, offen, sympathisch, aktuell und lesenswert wäre.

Das leisten Unternehmensbroschüren in den seltensten Fällen.

Social Media ist keine Tupperparty

Samstag, 17. Juli 2010

Heute schreibe ich endlich über ein Thema, welches mir schon länger unter den Nägeln brennt. Und zwar brennt es so sehr, weil ich immer wieder in unterschiedlichsten Medien und Gesprächen darüber stolpere und mir meine Meinung nun endlich von der Seele schreiben muss.

„Wie kann ich Twitter als Vertriebskanal nutzen?“
„Wie kann ich über Facebook meinen Umsatz steigern?“
„Wie kann ich die social networks als Verkaufsplattform erschließen“
„Lohnt sich social networking für Unternehmen?“

Fragen wie diese wirken auf den ersten Blick legitim, zeigen aber ganz deutlich, dass social networks komplett missverstanden werden. Denn wer glaubt, dass man das social web als Direktvertriebskanal nutzen kann, der irrt gewaltig.
Social networks sind wie ein großer Online-Stammtisch, wie eine gigantische Online-Networking-Veranstaltung.
Sie sind keine Online-Kaffeefahrt oder Tupperparty, welche der Verkaufsmaximierung dienen.

Wenn Unternehmen ihre Kunden zu Pferderennen, Fußballspielen, Konzerten, Abendessen oder Kurz-Reisen einladen, dann haben diese incentives einen einfachen Grund: In angenehmer Atmosphäre mit dem Kunden zu reden. Und ihm zuzuhören. Man möchte erfahren, was für Menschen die eigenen Kunden sind, was sie bewegt, wie sie denken, was sie antreibt. Man möchte sie und ihre Bedürfnisse besser verstehen und dieses Knowhow in die eigenen Produkte und Dienstleistungen einfließen lassen. Diese Veranstaltungen dienen so gut wie nie dem Verkauf, sondern immer dem informellen Networking.

Oder wart Ihr schon mal bei einer hochwertigen Kundenveranstaltung eingeladen, bei der es nichts zu essen und zu trinken gab und Euch bereits am Eingang ein Vertriebsflyer in die Hand gedrückt wurde mit der Aussage: „Wenn sie jetzt sofort kaufen, bekommen sie 10% Rabatt“. Was wäre Eure Reaktion? Nachdem Ihr festgestellt hättet, dass es sich bei der Veranstaltung um eine reine Verkaufsveranstaltung ohne Mehrwert handelt, wärt Ihr sofort wieder gegangen.

Und genau das tun die Kunden im Netz auch.

Denn wenn ein Unternehmen seinen Twitter-Account einzig dafür nutzt, die eigenen Produkte anzupreisen statt mit dem Kunden zu reden und ihm einen Mehrwert zu bieten, wird niemand zuhören. Und erst recht nicht kaufen. Sondern sich wegdrehen und gehen. Das heißt bei Twitter dann “unfollowen”. Und eine Facebook-Seite zu haben, die ausschließlich allgemeine Unternehmensinformationen und Produktneuheiten zeigt, ist ebenfalls kontraproduktiv. Dann lieber gar keine Seite haben.

Im social web reden Menschen miteinander, kommentieren gegenseitig ihre Aussagen, hören sich zu, diskutieren und bilden sich eine Meinung. Genau wie bei einem Networking-dinner. Sie kommen besonders gerne und erzählen hinterher vielen Anderen von ihren Gesprächen, wenn sich das Unternehmen besondere Mühe gegeben hat. Das Ziel von Unternehmen im social web muss es also sein, das Pferderennen, die Tickets zum Finale der Fußball-WM oder einfach einen entspannten Grill-Nachmittag online nachzustellen. Natürlich im übertragenden Sinne. Unternehmen müssen online etwas für ihre Kunden inszenieren, sich interessant machen, Aufmerksamkeit wecken. In den Dialog mit dem Kunden einsteigen.

Dann werden sie gehört. Und gemocht.
Dann wird man sie weiterempfehlen, ihre Produkte kaufen und eine positive Wahrnehmnung (brand awareness) aufbauen. Weil die Unternehmen dann glaubwürdig, authentisch, unaufdringlich, seriös und ernsthaft am Kunden interessiert sind.
Das ist dann eine erfolgreiche Social-Media-Strategie.
Die kann man aber nicht im Vorfeld minutiös planen, messbar machen und in die Umsatzplanung einfließen lassen. Sie entsteht im Gespräch mit dem Kunden.
Genauso, wie der Offline-Event ja kurzfristig auch kein Umsatzgenerator, sondern eine Investition in den Kunden ist.

In beiden Fällen eine lohnende.

Ent-Mülling my life

Montag, 22. Februar 2010

Wie viele Ratgeber gibt es, die das Aufräumen, Ausmisten und Vereinfachen des eigenen Lebens empfehlen. Unzählige! Keinen von diesen habe ich gelesen. Und dennoch verspüre ich seit zwei Wochen einen unheimlichen Drang mein Leben aufzuräumen, zu sortieren und zu entmüllen. Mich frei zu machen von Dingen, die Zeit kosten, aber keinen Mehrwert stiften. Mich zu entlasten von Themen, ToDos und Gewohnheiten, die man viel zu lange nicht mehr hinterfragt hat.

Ent-Mülling-Aktion No. 1: Ich habe am gestrigen Tag meinen Kleiderschrank halbiert. Also den Inhalt. Alles, was ich seit mehr als zwei Jahren nicht mehr getragen habe war fällig. Und das war ganz schön viel. Nun kommt begünstigend sicherlich die Tatsache dazu, dass man im Walross-ähnlichen Zustand der Spät-Schwangerschaft sowieso glaubt viele Micro-Oberteile, Minis und hautenge Kleider nie mehr tragen zu können. Aber auch unabhängig davon ist es ein absoluter Traum wie luftig jedes Regal gerade wirkt und wie viel Platz für neue Einkäufe plötzlich da ist!

Ent-Mülling-Aktion No. 2: Ich habe mich in den letzten Tagen gezwungen meine heißgeliebte ToDo-Liste und meinen Emailaccount von unten abzuarbeiten. Oben stehen immer die spannenden und aktuellen Dinge, auf die man richtig Lust hat. Unten liegen die fiesen Ladenhüter. Und an die habe ich mich herangetraut. Was für ein befreiendes Gefühl, dass die nun endlich weg sind.

Ent-Mülling-Aktion No. 3: Dieses war ein besonders schwerer Schritt als sparsame Ost-Westfälin und Betriebswirtschaftlerin mit dem Schwerpunkt Finanzen, Buchhaltung und Controlling. Ich habe die Buchhaltung der GmbH meines Mannes an ein externes Buchhaltungsbüro übergeben. Unglaublich, oder? Wo es doch solchen Spaß gemacht hat, sich die Sonntage damit zu versauen äh zu versüßen Belege zu sortieren und Kassenbücher zu füllen. Sie ist jetzt einfach weg. Und ich verspüre nicht wirklich eine Leere in meinem Leben. Viel mehr beängstigt mich jetzt das Gefühl, was ich mit diesen ganzen freien Sonntagen jetzt machen soll :-)

Ent-Mülling-Aktion No. 4: Leider ist auch Foursquare meinem Aufräum-Wahn zum Opfer gefallen. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil es mich mehr belastet als glücklich gemacht hat.
Jedes Mal, wenn ich auf mein Iphone gesehen habe und einfach ganz gemütlich hätte twittern oder Bild lesen können, verspürte ich den Druck einchecken zu müssen. Im Büro, im Supermarkt, beim Arzt, im Restaurant, zu Hause, bei Freunden und irgendwann sogar im Stau, Taxi oder auf der Alster. Das Erste, das ich beim Betreten einer „location“ gedacht habe war: Hilfe, ich muss noch einchecken! Meistens habe ich dann eingecheckt, um irgendwelche travelpoints oder new-venue-points zu bekommen oder meinen Bürgermeister-Status zu verteidigen. Und danach fühlte ich mich meistens nicht besser. Ich bekam keinen Kaffee umsonst, wenn ich im Coffeeshop war, traf keine netten, interessanten Leute, die zufällig gerade in meiner Nähe waren und war mit meiner bescheidenen Anzahl von Ortswechseln noch nicht mal unter den Top 10. Warum das Ganze also?
Sicherlich ist Foursquare noch ein rising star, der seine glorreiche Zukunft noch vor sich hat. Sicherlich muss man neuen Diensten und Apps Zeit geben, ihre Daseinsberechtigung zu begründen. Aber dieses Mal einfach nicht meine Zeit. Nicht aus Trotz, nicht aus Frust, nicht aus Pseudo-Radikalität. Sondern einfach, weil ich es unheimlich befreiend finde, dass ich ab jetzt irgendwo reinkommen kann ohne das Gefühl eines verpassten Fliegers in mir zu tragen, weil ich vergessen habe einzuchecken. That´s all.

Auf Entzug – warum ich lernen möchte, wieder mehr offline zu sein

Donnerstag, 11. Februar 2010

Am Wochenende habe ich Sachars Artikel „Overload“ gelesen. Und der hat mich nachdenklich gemacht. Bin ich auch süchtig? Verspüre ich Entzugserscheinungen, wenn ich nicht online sein darf? Vermisse ich mein Iphone, wenn es nur für ein paar Minuten im Zimmer nebenan liegt? Unterbreche ich romantische Abende mit meinem Mann, um mal eben etwas zu twittern, facebooken oder sonst wie zu veröffentlichen. Gehöre ich zur Generation, die nicht mehr offline sein kann? Lebe ich in einem Meer von Konzentrationsstörung, ADHS und Oberflächlichkeit. Bin ich eine Getriebene der modernen Kommunikationsmittel und Netzwerke?

Sicherlich ein bisschen. Sicherlich jeden Tag mehr. Und sicherlich manchmal auch zu viel.

Aber das ändert sich gerade!

Denn es gab viele Momente im letzten Jahr, in denen ich bedauert habe, dass im Briefkasten nur noch Zeitungen, Rechnungen und Werbung und in den seltensten Fällen noch ein echter Brief landen. Ich habe drei große Kartons im Regal stehen, die bis oben hin mit Briefen gefüllt sind, die ich in meinem Leben jemals erhalten habe. Alle sind noch da. Sie zerfallen nicht, kein Virus zerstört sie, kein mangelnder Speicherplatz erzwingt ihre Auslöschung. Sie sind einfach da. Erinnerungen an schöne und traurige, aufregende und einsame Zeiten. Zeilen von Menschen, die zum Teil nicht mehr leben oder, die man aus den Augen verloren hat. Sie haben einen unheimlichen Wert für mich. Und ich habe in den letzten drei Jahren kaum für Nachschub gesorgt. Weil ich selber nicht mehr schreibe.
Damit kommen vor allem all diejenigen zu kurz, die keine Emailadresse haben, d.h. vor allem meine Großeltern. Von meinen beiden Großmüttern habe ich 254 Briefe in der einen Schachtel. Das wird mein Sohn nicht mehr haben. Er wird von Anfang an mit seiner Großmutter mailen, chatten, skypen oder facebooken. Ist das nicht eigentlich ein bisschen traurig?

Gestern kam der Brief meines Vaters an, den er mir zu meinem morgigen Geburtstag geschrieben hat. Da er von außen nicht als Geburtstags-Brief erkennbar war, habe ich ihn bereits gestern geöffnet. Ihr glaubt nicht, was es für ein Glücksgefühl ist, wenn einem jemand, der einem nahe steht zwei volle DinA4-Seiten schreibt. Mit Füller und Tinte und Schönschrift. Ich habe den Brief drei Mal gelesen und ich könnte Euch jedes Wort genau wiedergeben, weil es sich so stark eingeprägt hat. Von der Email, die ich vor 5 Minuten gelesen habe, weiß ich kaum noch den Anfang.

Ein anderes Beispiel ist, dass mein Mann und ich die letzten vier Abende! den Computer ausgelassen, unsere Iphones auf lautlos mit dem Gesicht nach unten in den Nachbarraum gelegt und uns unterhalten, gelesen und Filme zusammen gesehen haben. Das war so schön! Und so wichtig. Denn häufig verhindert das permanente Online-Sein, das Genießen des Offline-Lebens. Zumindest bei mir ist das so. Und dann stellt man fest, dass man zwar eigentlich wahnsinnig viel gearbeitet hat und online war, aber nur sehr wenig gelebt hat. Dass man zwar in jedem sozialen Netzwerk ein Update geschrieben hat, aber kaum noch Energie hat sich zu unterhalten.

Und wenn dann mal schwierige Zeiten oder traurige Momente kommen, stellt man fest, dass man im Netz ziemlich einsam ist und lieber in den Arm genommen wird, als acht Kommentare zu seinem Facebook-Status zu lesen. Dass Hunderte von followern und Facebook-Freunden plötzlich nicht helfen können. In diesen Momenten blättere ich durch Fotoalben, lese alte Briefe, liege auf dem Sofa, höre Musik, träume oder mache einen langen Spaziergang. Bin einfach offline. Etwas, das für die meisten Menschen selbstverständlich ist, ist für mich ein echter Luxus geworden. Ein Luxus, den ich wieder öfter haben möchte. Sicherlich wird es eine Weile dauern, diese Entschleunigung zu lernen und den Moment wieder zu genießen. Aber ich schaffe das. Ohne Selbsthilfe-Gruppe, ohne Therapie und hoffentlich ohne zu starke Entzugserscheinungen.

Das heißt natürlich nicht, dass ich Twitter, Facebook, Xing, Mails oder mein Blog jetzt irgendwie hinter mir lasse oder mich gar abmelde. Es heißt einfach nur, dass ich mir bewusste Auszeiten nehmen werde, in denen ich dann ausschließlich offline bin.
Die erste Härteprobe kommt im März, wo wir acht Tage in die Sonne fliegen. Auch wenn es natürlich höchst bedauerlich ist, dass meine follower und Facebook-Freunde in dieser Zeit auf Urlaubsfotos, Wetterberichte und Glücksbekundungen verzichten müssen, so glaube ich, dass es mir gut tun wird, in dieser Zeit ausschließlich Zeit mit meiner Familie zu verbringen und die Außenwelt auszublenden.

Back to the roots.

Wofür man früher mit dem Rucksack durch die Anden laufen oder Überlebenstraining in den schottischen highlands machen musste, reicht es heute einfach nur das Iphone auszuschalten und den Laptop gar nicht erst mitzunehmen.

Eigentlich einfach. Bestimmt machbar. Ich werde es Euch beweisen.

“twitter ist reine Zeitverschwendung”

Dienstag, 10. November 2009

Keinen Satz höre ich so oft wie diesen, wenn es um die neuen Medien und Digital Relations geht. Und kein Satz wird leidenschaftlicher vertreten, teilweise sogar mit einer gewissen Aggressivität. Unaufgefordert. Und ausschließlich von Menschen, die twitter nicht nutzen. Wobei man die Aussage auch beliebig auf facebook, Blogs und Chats erweitern kann. Die Vehemenz der Ablehnung bleibt dieselbe. Aus Angst wovor? Vor dem bösen Internet voller Gefahren und Abgründe? Wohl kaum. Aus Angst davor, dass die kostbare freie Zeit jenseits von Büro und Alltagsstress nun auch noch von diesen neuen Medien aufgefressen wird? Vielleicht schon eher. Oder ist es viel eher Ignoranz statt Angst? Nach dem Motto: Einfach ganz intensiv weggucken, dann geht dieses komische Phänomen „Social Media“ schon vorbei, ohne dass ich mich damit beschäftigen musste. So wie Kinder, die sich die Augen zuhalten und dann glauben, man würde sie nicht mehr sehen. Genauso blendet man die neuen Medien aus in der Hoffnung, dass sie sich dadurch in Luft auflösen. Und man kann dann hinterher stolz behaupten, man hätte immer gewusst, dass es Zeitverschwendung gewesen sei, sich überhaupt mit so einer Eintagsfliege zu beschäftigen.

Warum führt twitter bei so vielen Menschen zu so einer intensiven Reaktion? Warum ist die Welt so schwarz-weiß, wenn es um twitter geht? Man liebt es oder man hasst es. Kaum jemand ist indifferent.

Meine starke Vermutung ist, dass Menschen immer dann besonders gerne gegen etwas sind, wenn sie sich damit entweder noch nicht richtig beschäftigt oder es nicht verstanden haben. Die Abwehrhaltung ist wie ein Schutzwall, den man aufbaut.

Die Unterstellung, dass es bei twitter ausschließlich um das Wetter sowie repetitive Tagesabläufe von öffentlichkeitssüchtigen Menschen geht, ist eindeutig zu kurz gedacht. Natürlich geht es auch darum, und das ist auch gut. Denn selbstverständlich interessiert mich auch die Person hinter dem Profil. Was macht sie, wo fährt sie hin, was bewegt sie, hat sie Kinder, ist sie verheiratet, wie sieht ihr Tagesablauf aus? Diese Informationen führen zu einem Gesamtbild. Sie liefern Erklärungen dafür, warum Menschen Meinungen vertreten. Sie liefern Hintergründe, die mir das Gefühl geben, die Menschen auf twitter ein wenig zu kennen. All das macht twitter menschlich. Und entkräftet für mich den Vorwurf, dass wir durch die Digitalisierung unseres Lebens soziale Kontakte vernachlässigen und das Interesse an realen Menschen verlieren. Denn wenn wir uns physisch kennenlernen oder wiedersehen, tauschen wir häufig nur Banalitäten aus, machen Smalltalk. Wie geht es Dir, bist Du verheiratet, wo wohnt ihr, was machst du beruflich, wann bist du heute aufgestanden, hast du schon gegessen, was machst du heute Abend, wo fährst Du gerade hin? Völlig legitime Fragen? Warum darf man die Antworten dann nicht ungefragt bei twitter schreiben. Es erspart der Gegenseite sogar die Frage. Und man muss die Antwort nur ein Mal geben, und jeder weiß Bescheid.

Aber wie gesagt: Es geht nur zum Teil um diesen Smalltalk. In erster Linie geht es um Veranstaltungshinweise, Links zu Neuigkeiten, Hintergründen, Blogpostings, Livestreams, Videos und auch um Umfragen, Meinungsäußerungen und Analysen von gesellschaftlichen Strömungen. Um Politik, Wirtschaft und Finanzen. Um Sport, Musik und das Kinoprogramm.

Für mich ist twitter ein Newsfeed aus den Köpfen von interessanten Menschen. Menschen, die in einer anderen Branche arbeiten, Menschen, die ein anderes Leben führen oder Menschen, in denen ich mich selbst erkenne. twitter erweitert meinen Horizont, twitter macht mich toleranter, twitter lässt mich meine eigene Meinung stärker reflektieren. Ich versetze mich  in andere Menschen, hinterfrage deren Lebensmodell und ihre Gedanken, wäge ihre Argumente ab, forme daraus meine eigene Meinung. Sie ist differenzierter als zu Zeiten, in denen ich selbst skeptisch twitter gegenüberstand und den Dienst noch nicht nutzte. Wenn ich Zeitung lese oder fernsehe, bin ich mit meinen Gedanken alleine, kann maximal einen Kommentar zu einem Artikel lesen oder mich auf die Darstellungsweise des Moderators verlassen. Bei twitter treffen verschiedene Meinungen und Denkansätze aufeinander und zwingen mich dazu, ein Thema umfassender zu betrachten.

Versteht mich nicht falsch: Es muss nicht jeder bei twitter sein. Im Gegenteil, das soll jeder für sich selbst entscheiden. Aber wenn man dagegen ist, sollte man eine bessere Begründung haben als nur „twitter ist reine Zeitverschwendung“.