Artikel-Schlagworte: „Digital Relations“

Social Media ist keine Tupperparty

Samstag, 17. Juli 2010

Heute schreibe ich endlich über ein Thema, welches mir schon länger unter den Nägeln brennt. Und zwar brennt es so sehr, weil ich immer wieder in unterschiedlichsten Medien und Gesprächen darüber stolpere und mir meine Meinung nun endlich von der Seele schreiben muss.

„Wie kann ich Twitter als Vertriebskanal nutzen?“
„Wie kann ich über Facebook meinen Umsatz steigern?“
„Wie kann ich die social networks als Verkaufsplattform erschließen“
„Lohnt sich social networking für Unternehmen?“

Fragen wie diese wirken auf den ersten Blick legitim, zeigen aber ganz deutlich, dass social networks komplett missverstanden werden. Denn wer glaubt, dass man das social web als Direktvertriebskanal nutzen kann, der irrt gewaltig.
Social networks sind wie ein großer Online-Stammtisch, wie eine gigantische Online-Networking-Veranstaltung.
Sie sind keine Online-Kaffeefahrt oder Tupperparty, welche der Verkaufsmaximierung dienen.

Wenn Unternehmen ihre Kunden zu Pferderennen, Fußballspielen, Konzerten, Abendessen oder Kurz-Reisen einladen, dann haben diese incentives einen einfachen Grund: In angenehmer Atmosphäre mit dem Kunden zu reden. Und ihm zuzuhören. Man möchte erfahren, was für Menschen die eigenen Kunden sind, was sie bewegt, wie sie denken, was sie antreibt. Man möchte sie und ihre Bedürfnisse besser verstehen und dieses Knowhow in die eigenen Produkte und Dienstleistungen einfließen lassen. Diese Veranstaltungen dienen so gut wie nie dem Verkauf, sondern immer dem informellen Networking.

Oder wart Ihr schon mal bei einer hochwertigen Kundenveranstaltung eingeladen, bei der es nichts zu essen und zu trinken gab und Euch bereits am Eingang ein Vertriebsflyer in die Hand gedrückt wurde mit der Aussage: „Wenn sie jetzt sofort kaufen, bekommen sie 10% Rabatt“. Was wäre Eure Reaktion? Nachdem Ihr festgestellt hättet, dass es sich bei der Veranstaltung um eine reine Verkaufsveranstaltung ohne Mehrwert handelt, wärt Ihr sofort wieder gegangen.

Und genau das tun die Kunden im Netz auch.

Denn wenn ein Unternehmen seinen Twitter-Account einzig dafür nutzt, die eigenen Produkte anzupreisen statt mit dem Kunden zu reden und ihm einen Mehrwert zu bieten, wird niemand zuhören. Und erst recht nicht kaufen. Sondern sich wegdrehen und gehen. Das heißt bei Twitter dann “unfollowen”. Und eine Facebook-Seite zu haben, die ausschließlich allgemeine Unternehmensinformationen und Produktneuheiten zeigt, ist ebenfalls kontraproduktiv. Dann lieber gar keine Seite haben.

Im social web reden Menschen miteinander, kommentieren gegenseitig ihre Aussagen, hören sich zu, diskutieren und bilden sich eine Meinung. Genau wie bei einem Networking-dinner. Sie kommen besonders gerne und erzählen hinterher vielen Anderen von ihren Gesprächen, wenn sich das Unternehmen besondere Mühe gegeben hat. Das Ziel von Unternehmen im social web muss es also sein, das Pferderennen, die Tickets zum Finale der Fußball-WM oder einfach einen entspannten Grill-Nachmittag online nachzustellen. Natürlich im übertragenden Sinne. Unternehmen müssen online etwas für ihre Kunden inszenieren, sich interessant machen, Aufmerksamkeit wecken. In den Dialog mit dem Kunden einsteigen.

Dann werden sie gehört. Und gemocht.
Dann wird man sie weiterempfehlen, ihre Produkte kaufen und eine positive Wahrnehmnung (brand awareness) aufbauen. Weil die Unternehmen dann glaubwürdig, authentisch, unaufdringlich, seriös und ernsthaft am Kunden interessiert sind.
Das ist dann eine erfolgreiche Social-Media-Strategie.
Die kann man aber nicht im Vorfeld minutiös planen, messbar machen und in die Umsatzplanung einfließen lassen. Sie entsteht im Gespräch mit dem Kunden.
Genauso, wie der Offline-Event ja kurzfristig auch kein Umsatzgenerator, sondern eine Investition in den Kunden ist.

In beiden Fällen eine lohnende.

Die Zukunft der Frauen – inspired by DLD Women

Samstag, 12. Juni 2010

Viele sehr beeindruckende Frauen haben diese Woche auf dem DLD Women von Burda in München sehr wahre Sachen gesagt, über die es sich lohnt ein bisschen nachzudenken und zu schreiben.
Moderiert wurde der Event durch Maria Furtwängler.
Maria Furtwängler
Eine unglaublich beeindruckende Frau, die so vielseitig und aktiv ist, dass man neidisch werden kann. Und das war auch gleich die erste Erkenntnis des Kongresses. Ich habe mich selber, aber auch viele andere Frauen dabei erwischt, wie man bei einer erfolgreichen, attraktiven, intelligenten, glücklich verheirateten Frau mit Kindern sofort anfängt den Haken zu suchen. „Die kann doch nicht glücklich sein, das ist doch alles nur Show.“ Oder: „Die wird doch sicherlich ihren Kindern nicht gerecht“. Oder: „Die Ehe ist doch mehr Schein als Sein und im Leben möchte ich nicht tauschen“.
Warum gönnen wir anderen Frauen nicht uneingeschränkt ihren Erfolg, ihr Leben, ihre Zukunft? Warum wollen wir immer ein Haar in der Suppe finden? Die Antwort ist wahrscheinlich ganz einfach: Weil wir uns selber besser fühlen wollen. Weil wir uns selber nicht eingestehen wollen, dass wir eigentlich neidisch sind. Weil wir tief im Inneren schwer beeindruckt sind, was diese Frauen leisten und Angst vor dem Vergleich mit uns selbst haben.
Männern gönnen wir alles. Wenn ein Mann mit seiner attraktiven Frau und seinen Kindern uns entgegen kommt und erzählt, dass er gerade befördert wurde, gratulieren wir und bewundern ihn. Denn wir sehen ihn nicht als Konkurrenz oder benchmark. Frauen hingegen beurteilen wir in erster Linie kritisch und suchen krampfhaft nach Fehlern und Schwächen.

Dann kam der Auftritt von Antonella Mei-Pochtler von der Boston Consulting Group in einer Podiumsdiskussion. Sie ist eine perfekte Mischung aus intelligent, witzig, charmant und unglaublich attraktiv.

Antonella Mei-Pochtler

Und das Beste an ihr: Sie ist schonungslos ehrlich.

“Women can get to the top, but do they want to go there”?
“Wenn Du als Frau Karriere machen möchtest, musst Du bereit sein, viel zu opfern.”

Sie hat nicht um den heißten Brei herumgeredet, sondern deutlich gesagt, dass der Mangel an weiblichen Führungskräften in Deutschland nicht nur daran liegt, dass Frauen keine Chance bekommen, sondern dass sie die Chance viel zu selten ergreifen (wollen). Weil sie merken, dass es „da oben“ ganz schön kalt und ungemütlich ist. Weil man seine Familie sehr wenig sieht. Weil man kaum noch Zeit für sich selbst hat. Und vor allem: weil man als Frau Alternativen hat, die ein Mann nicht hat.
In unserer Gesellschaft wird ein Mann nach wie vor hauptsächlich an seiner beruflichen Performance gemessen. Er ist erfolgreich und wird bewundert, wenn er im Job erfolgreich ist. Eine Frau hingegen hat neben der beruflichen Karriere Alternativen, um bewundert zu werden. Sie kann Mutter sein und sich um ihre Kinder kümmern. Sie kann eine perfekte Köchin sein. Sie kann einen wunderschönen Garten pflegen. Sie kann sich um ihre kranken Eltern kümmern. Und sie kann Karriere machen. Aber das ist eben nur eine Option neben vielen weiteren die sie hat.
Daher muss sie nicht Karriere machen.
Und sobald sie merkt, dass die Karriere immer mehr Zeit mit der Familie und Freunden frisst, entscheidet sie sich gegen einen weiteren Aufstieg und für mehr work-life balance.
Natürlich soll das nicht heißen, dass wir in Deutschland Chancengleichheit haben und dass jede Frau die Karriere machen möchte dieses auch darf. Natürlich gibt es die old-boys-networks, die „gläserne Decke“ und schlicht die Einstellung, dass man Frauen hohe Führungspositionen, gerade in der Wirtschaft, weniger zutraut als Männern. Aber es liegt eben auch an den Frauen selbst.

Silvana Koch-Mehrin war ebenfalls da und hat mir sehr gut gefallen. Sie hat eine sehr sympathische, unaufgeregte und klare Art und schafft es komplizierte oder festgefahrene Sachverhalte (wie z.B. die Frauenquote) sehr anschaulich zu erklären.

Silvana Koch-Mehrin

Sie hat sich eindeutig für die Frauenquote ausgesprochen und zwar aus zwei sehr nachvollziehbaren Gründen. Zum Einen hat sie gesagt, dass es in allen Bereichen der Wirtschaft und besonders in der Politik sehr viele unausgesprochene Quoten gibt. Da gibt es regionale Quoten in der Besetzung von Regierungen, Kabinetten und Arbeitsgruppen. Da gibt es Quoten der unterschiedlichen politischen Familien. Quoten der fachlichen Zusammensetzung von Ministerien. Aber immer wenn es zu einer Quote zur Ausgeglichenheit von Männern und Frauen kommt, schreien alle. Inklusive der Frauen. Sie ist also entweder dafür alle Quoten abzuschaffen (was in ihren Augen unmöglich ist). Oder einfach ganz unaufgeregt eine Frauenquote einzuführen. Ihr zweites Argument war, dass die Erkenntnis, dass mehr Frauen in Politik und Wirtschaft das Land entscheidend voranbringen würden, schon sehr lange da ist, aber es viel zu lange braucht und auch noch brauchen wird, wenn sich dieser Zustand „von alleine“ ändern soll. Die Quote würde einen längst akzeptierten Vorsatz endlich zum Leben erwecken und am Ende allen helfen. Denn Frauen in Führungspositionen zu befördern ist ein business case und kein Ausdruck des Mitleids.

Doris Dörrie sprach über „how to cook your life“. Darunter konnte ich mir erst nichts vorstellen und hätte auch nie gedacht, dass es einer der besten Auftritte des gesamten Kongresses werden würde.
War es aber. Sie hat mich unheimlich beeindruckt und den Nagel bei mehreren Punkten genau auf den Kopf getroffen!

Doris Dörrie

Einer ihrer Kernsätze war (er hängt übrigens schon als reminder an meinem Laptop und am Kühlschrank und am Spiegel im Badezimmer): Das Gras wächst auch ohne mich.
In ihren Augen, wollen Frauen immer alles managen. Ihren Mann, ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Freunde, den Haushalt, den Job, die Kollegen, alles. Sie fühlen sich für alles und jeden verantwortlich und wachen bereits morgens mit der latenten Panik auf, dass sie versagen werden. Weil sie sich viel zu viel aufladen. Und erschwerend kommt hinzu, dass das eigentlich niemand in der Form von ihnen erwartet, sondern sie sich den Druck komplett selber machen. Erstaunlicherweise ist das private und berufliche Umfeld genauso glücklich, wenn mal ein Zahnarzttermin vergessen wurde, eine Präsentation erst eine halbe Stunde später erstellt wird oder der Blumenstrauß zum Geburtstag der Großtante einfach mal nicht rechtzeitig ankommt. Und plötzlich gelangt man zu der Erkenntnis: Das Gras wächst auch ohne mich. Und die kann sehr befreiend sein.
Denn auch ich verfalle ständig dem eigen auferlegten Druck alles perfekt managen zu wollen. Statt Geburtsanzeigen für meinen zweiten Sohn im Internet zu drucken, schreibe ich sie alle mit der Hand. Statt das Haus mal zwei Stunden im Chaos versinken zu lassen, räume ich lieber alles während des Mittagsschlafs unseres 5-wochen-alten Sohnes auf. So wacht er dann rechtzeitig auf, wenn alles sauber ist und ich habe mich nicht erholt. Und statt einfach mal einen Sonntag zu Hause zu bleiben, verabrede ich mich und meine Familie mit Freunden und Verwandten, damit wir uns auch bloß nicht erholen. Und seit Doris Dörrie ist mir jetzt sehr bewusst: Meine Freunde und Familie hätten sich auch über gedruckte Geburtsanzeigen gefreut bzw. sie hätten den Unterschied gar nicht bemerkt. Zwei Stunden Chaos bei uns zu Hause stört auch niemanden außer mir selbst. Und ein Sonntag zu Hause macht meine Familie sogar glücklicher als das ständige Hetzen von einem Treffen zum nächsten.

Der DLD Women war natürlich noch viel mehr als das, was ich hier zusammengefasst habe. Aber er war für mich in erster Linie mehr als nur ein Business-Networking-Kongress, sondern hat mich wirklich um einige wichtige Erkenntnisse reicher gemacht.

Ent-Mülling my life

Montag, 22. Februar 2010

Wie viele Ratgeber gibt es, die das Aufräumen, Ausmisten und Vereinfachen des eigenen Lebens empfehlen. Unzählige! Keinen von diesen habe ich gelesen. Und dennoch verspüre ich seit zwei Wochen einen unheimlichen Drang mein Leben aufzuräumen, zu sortieren und zu entmüllen. Mich frei zu machen von Dingen, die Zeit kosten, aber keinen Mehrwert stiften. Mich zu entlasten von Themen, ToDos und Gewohnheiten, die man viel zu lange nicht mehr hinterfragt hat.

Ent-Mülling-Aktion No. 1: Ich habe am gestrigen Tag meinen Kleiderschrank halbiert. Also den Inhalt. Alles, was ich seit mehr als zwei Jahren nicht mehr getragen habe war fällig. Und das war ganz schön viel. Nun kommt begünstigend sicherlich die Tatsache dazu, dass man im Walross-ähnlichen Zustand der Spät-Schwangerschaft sowieso glaubt viele Micro-Oberteile, Minis und hautenge Kleider nie mehr tragen zu können. Aber auch unabhängig davon ist es ein absoluter Traum wie luftig jedes Regal gerade wirkt und wie viel Platz für neue Einkäufe plötzlich da ist!

Ent-Mülling-Aktion No. 2: Ich habe mich in den letzten Tagen gezwungen meine heißgeliebte ToDo-Liste und meinen Emailaccount von unten abzuarbeiten. Oben stehen immer die spannenden und aktuellen Dinge, auf die man richtig Lust hat. Unten liegen die fiesen Ladenhüter. Und an die habe ich mich herangetraut. Was für ein befreiendes Gefühl, dass die nun endlich weg sind.

Ent-Mülling-Aktion No. 3: Dieses war ein besonders schwerer Schritt als sparsame Ost-Westfälin und Betriebswirtschaftlerin mit dem Schwerpunkt Finanzen, Buchhaltung und Controlling. Ich habe die Buchhaltung der GmbH meines Mannes an ein externes Buchhaltungsbüro übergeben. Unglaublich, oder? Wo es doch solchen Spaß gemacht hat, sich die Sonntage damit zu versauen äh zu versüßen Belege zu sortieren und Kassenbücher zu füllen. Sie ist jetzt einfach weg. Und ich verspüre nicht wirklich eine Leere in meinem Leben. Viel mehr beängstigt mich jetzt das Gefühl, was ich mit diesen ganzen freien Sonntagen jetzt machen soll :-)

Ent-Mülling-Aktion No. 4: Leider ist auch Foursquare meinem Aufräum-Wahn zum Opfer gefallen. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil es mich mehr belastet als glücklich gemacht hat.
Jedes Mal, wenn ich auf mein Iphone gesehen habe und einfach ganz gemütlich hätte twittern oder Bild lesen können, verspürte ich den Druck einchecken zu müssen. Im Büro, im Supermarkt, beim Arzt, im Restaurant, zu Hause, bei Freunden und irgendwann sogar im Stau, Taxi oder auf der Alster. Das Erste, das ich beim Betreten einer „location“ gedacht habe war: Hilfe, ich muss noch einchecken! Meistens habe ich dann eingecheckt, um irgendwelche travelpoints oder new-venue-points zu bekommen oder meinen Bürgermeister-Status zu verteidigen. Und danach fühlte ich mich meistens nicht besser. Ich bekam keinen Kaffee umsonst, wenn ich im Coffeeshop war, traf keine netten, interessanten Leute, die zufällig gerade in meiner Nähe waren und war mit meiner bescheidenen Anzahl von Ortswechseln noch nicht mal unter den Top 10. Warum das Ganze also?
Sicherlich ist Foursquare noch ein rising star, der seine glorreiche Zukunft noch vor sich hat. Sicherlich muss man neuen Diensten und Apps Zeit geben, ihre Daseinsberechtigung zu begründen. Aber dieses Mal einfach nicht meine Zeit. Nicht aus Trotz, nicht aus Frust, nicht aus Pseudo-Radikalität. Sondern einfach, weil ich es unheimlich befreiend finde, dass ich ab jetzt irgendwo reinkommen kann ohne das Gefühl eines verpassten Fliegers in mir zu tragen, weil ich vergessen habe einzuchecken. That´s all.

Auf Entzug – warum ich lernen möchte, wieder mehr offline zu sein

Donnerstag, 11. Februar 2010

Am Wochenende habe ich Sachars Artikel „Overload“ gelesen. Und der hat mich nachdenklich gemacht. Bin ich auch süchtig? Verspüre ich Entzugserscheinungen, wenn ich nicht online sein darf? Vermisse ich mein Iphone, wenn es nur für ein paar Minuten im Zimmer nebenan liegt? Unterbreche ich romantische Abende mit meinem Mann, um mal eben etwas zu twittern, facebooken oder sonst wie zu veröffentlichen. Gehöre ich zur Generation, die nicht mehr offline sein kann? Lebe ich in einem Meer von Konzentrationsstörung, ADHS und Oberflächlichkeit. Bin ich eine Getriebene der modernen Kommunikationsmittel und Netzwerke?

Sicherlich ein bisschen. Sicherlich jeden Tag mehr. Und sicherlich manchmal auch zu viel.

Aber das ändert sich gerade!

Denn es gab viele Momente im letzten Jahr, in denen ich bedauert habe, dass im Briefkasten nur noch Zeitungen, Rechnungen und Werbung und in den seltensten Fällen noch ein echter Brief landen. Ich habe drei große Kartons im Regal stehen, die bis oben hin mit Briefen gefüllt sind, die ich in meinem Leben jemals erhalten habe. Alle sind noch da. Sie zerfallen nicht, kein Virus zerstört sie, kein mangelnder Speicherplatz erzwingt ihre Auslöschung. Sie sind einfach da. Erinnerungen an schöne und traurige, aufregende und einsame Zeiten. Zeilen von Menschen, die zum Teil nicht mehr leben oder, die man aus den Augen verloren hat. Sie haben einen unheimlichen Wert für mich. Und ich habe in den letzten drei Jahren kaum für Nachschub gesorgt. Weil ich selber nicht mehr schreibe.
Damit kommen vor allem all diejenigen zu kurz, die keine Emailadresse haben, d.h. vor allem meine Großeltern. Von meinen beiden Großmüttern habe ich 254 Briefe in der einen Schachtel. Das wird mein Sohn nicht mehr haben. Er wird von Anfang an mit seiner Großmutter mailen, chatten, skypen oder facebooken. Ist das nicht eigentlich ein bisschen traurig?

Gestern kam der Brief meines Vaters an, den er mir zu meinem morgigen Geburtstag geschrieben hat. Da er von außen nicht als Geburtstags-Brief erkennbar war, habe ich ihn bereits gestern geöffnet. Ihr glaubt nicht, was es für ein Glücksgefühl ist, wenn einem jemand, der einem nahe steht zwei volle DinA4-Seiten schreibt. Mit Füller und Tinte und Schönschrift. Ich habe den Brief drei Mal gelesen und ich könnte Euch jedes Wort genau wiedergeben, weil es sich so stark eingeprägt hat. Von der Email, die ich vor 5 Minuten gelesen habe, weiß ich kaum noch den Anfang.

Ein anderes Beispiel ist, dass mein Mann und ich die letzten vier Abende! den Computer ausgelassen, unsere Iphones auf lautlos mit dem Gesicht nach unten in den Nachbarraum gelegt und uns unterhalten, gelesen und Filme zusammen gesehen haben. Das war so schön! Und so wichtig. Denn häufig verhindert das permanente Online-Sein, das Genießen des Offline-Lebens. Zumindest bei mir ist das so. Und dann stellt man fest, dass man zwar eigentlich wahnsinnig viel gearbeitet hat und online war, aber nur sehr wenig gelebt hat. Dass man zwar in jedem sozialen Netzwerk ein Update geschrieben hat, aber kaum noch Energie hat sich zu unterhalten.

Und wenn dann mal schwierige Zeiten oder traurige Momente kommen, stellt man fest, dass man im Netz ziemlich einsam ist und lieber in den Arm genommen wird, als acht Kommentare zu seinem Facebook-Status zu lesen. Dass Hunderte von followern und Facebook-Freunden plötzlich nicht helfen können. In diesen Momenten blättere ich durch Fotoalben, lese alte Briefe, liege auf dem Sofa, höre Musik, träume oder mache einen langen Spaziergang. Bin einfach offline. Etwas, das für die meisten Menschen selbstverständlich ist, ist für mich ein echter Luxus geworden. Ein Luxus, den ich wieder öfter haben möchte. Sicherlich wird es eine Weile dauern, diese Entschleunigung zu lernen und den Moment wieder zu genießen. Aber ich schaffe das. Ohne Selbsthilfe-Gruppe, ohne Therapie und hoffentlich ohne zu starke Entzugserscheinungen.

Das heißt natürlich nicht, dass ich Twitter, Facebook, Xing, Mails oder mein Blog jetzt irgendwie hinter mir lasse oder mich gar abmelde. Es heißt einfach nur, dass ich mir bewusste Auszeiten nehmen werde, in denen ich dann ausschließlich offline bin.
Die erste Härteprobe kommt im März, wo wir acht Tage in die Sonne fliegen. Auch wenn es natürlich höchst bedauerlich ist, dass meine follower und Facebook-Freunde in dieser Zeit auf Urlaubsfotos, Wetterberichte und Glücksbekundungen verzichten müssen, so glaube ich, dass es mir gut tun wird, in dieser Zeit ausschließlich Zeit mit meiner Familie zu verbringen und die Außenwelt auszublenden.

Back to the roots.

Wofür man früher mit dem Rucksack durch die Anden laufen oder Überlebenstraining in den schottischen highlands machen musste, reicht es heute einfach nur das Iphone auszuschalten und den Laptop gar nicht erst mitzunehmen.

Eigentlich einfach. Bestimmt machbar. Ich werde es Euch beweisen.

“twitter ist reine Zeitverschwendung”

Dienstag, 10. November 2009

Keinen Satz höre ich so oft wie diesen, wenn es um die neuen Medien und Digital Relations geht. Und kein Satz wird leidenschaftlicher vertreten, teilweise sogar mit einer gewissen Aggressivität. Unaufgefordert. Und ausschließlich von Menschen, die twitter nicht nutzen. Wobei man die Aussage auch beliebig auf facebook, Blogs und Chats erweitern kann. Die Vehemenz der Ablehnung bleibt dieselbe. Aus Angst wovor? Vor dem bösen Internet voller Gefahren und Abgründe? Wohl kaum. Aus Angst davor, dass die kostbare freie Zeit jenseits von Büro und Alltagsstress nun auch noch von diesen neuen Medien aufgefressen wird? Vielleicht schon eher. Oder ist es viel eher Ignoranz statt Angst? Nach dem Motto: Einfach ganz intensiv weggucken, dann geht dieses komische Phänomen „Social Media“ schon vorbei, ohne dass ich mich damit beschäftigen musste. So wie Kinder, die sich die Augen zuhalten und dann glauben, man würde sie nicht mehr sehen. Genauso blendet man die neuen Medien aus in der Hoffnung, dass sie sich dadurch in Luft auflösen. Und man kann dann hinterher stolz behaupten, man hätte immer gewusst, dass es Zeitverschwendung gewesen sei, sich überhaupt mit so einer Eintagsfliege zu beschäftigen.

Warum führt twitter bei so vielen Menschen zu so einer intensiven Reaktion? Warum ist die Welt so schwarz-weiß, wenn es um twitter geht? Man liebt es oder man hasst es. Kaum jemand ist indifferent.

Meine starke Vermutung ist, dass Menschen immer dann besonders gerne gegen etwas sind, wenn sie sich damit entweder noch nicht richtig beschäftigt oder es nicht verstanden haben. Die Abwehrhaltung ist wie ein Schutzwall, den man aufbaut.

Die Unterstellung, dass es bei twitter ausschließlich um das Wetter sowie repetitive Tagesabläufe von öffentlichkeitssüchtigen Menschen geht, ist eindeutig zu kurz gedacht. Natürlich geht es auch darum, und das ist auch gut. Denn selbstverständlich interessiert mich auch die Person hinter dem Profil. Was macht sie, wo fährt sie hin, was bewegt sie, hat sie Kinder, ist sie verheiratet, wie sieht ihr Tagesablauf aus? Diese Informationen führen zu einem Gesamtbild. Sie liefern Erklärungen dafür, warum Menschen Meinungen vertreten. Sie liefern Hintergründe, die mir das Gefühl geben, die Menschen auf twitter ein wenig zu kennen. All das macht twitter menschlich. Und entkräftet für mich den Vorwurf, dass wir durch die Digitalisierung unseres Lebens soziale Kontakte vernachlässigen und das Interesse an realen Menschen verlieren. Denn wenn wir uns physisch kennenlernen oder wiedersehen, tauschen wir häufig nur Banalitäten aus, machen Smalltalk. Wie geht es Dir, bist Du verheiratet, wo wohnt ihr, was machst du beruflich, wann bist du heute aufgestanden, hast du schon gegessen, was machst du heute Abend, wo fährst Du gerade hin? Völlig legitime Fragen? Warum darf man die Antworten dann nicht ungefragt bei twitter schreiben. Es erspart der Gegenseite sogar die Frage. Und man muss die Antwort nur ein Mal geben, und jeder weiß Bescheid.

Aber wie gesagt: Es geht nur zum Teil um diesen Smalltalk. In erster Linie geht es um Veranstaltungshinweise, Links zu Neuigkeiten, Hintergründen, Blogpostings, Livestreams, Videos und auch um Umfragen, Meinungsäußerungen und Analysen von gesellschaftlichen Strömungen. Um Politik, Wirtschaft und Finanzen. Um Sport, Musik und das Kinoprogramm.

Für mich ist twitter ein Newsfeed aus den Köpfen von interessanten Menschen. Menschen, die in einer anderen Branche arbeiten, Menschen, die ein anderes Leben führen oder Menschen, in denen ich mich selbst erkenne. twitter erweitert meinen Horizont, twitter macht mich toleranter, twitter lässt mich meine eigene Meinung stärker reflektieren. Ich versetze mich  in andere Menschen, hinterfrage deren Lebensmodell und ihre Gedanken, wäge ihre Argumente ab, forme daraus meine eigene Meinung. Sie ist differenzierter als zu Zeiten, in denen ich selbst skeptisch twitter gegenüberstand und den Dienst noch nicht nutzte. Wenn ich Zeitung lese oder fernsehe, bin ich mit meinen Gedanken alleine, kann maximal einen Kommentar zu einem Artikel lesen oder mich auf die Darstellungsweise des Moderators verlassen. Bei twitter treffen verschiedene Meinungen und Denkansätze aufeinander und zwingen mich dazu, ein Thema umfassender zu betrachten.

Versteht mich nicht falsch: Es muss nicht jeder bei twitter sein. Im Gegenteil, das soll jeder für sich selbst entscheiden. Aber wenn man dagegen ist, sollte man eine bessere Begründung haben als nur „twitter ist reine Zeitverschwendung“.