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Warum ich für Alice Schwarzer schwarz sehe

Donnerstag, 11. November 2010

Die Feminismus-Debatte zwischen Alice Schwarzer und Kristina Schröder diese Woche hat sicherlich so manchen verwundert oder nachdenklich gemacht. Und Viele haben sich bestimmt auch gefragt, worum es hier eigentlich geht? Da streitet sich die wohl prominenteste Feministin Deutschlands mit einer sehr bekannten Frau in der Politik unseres Landes um die Rolle der Frau.

Ich nehme das mal zum Anlass, um klar Stellung zu beziehen. Das ist gefährlich, mag einseitig, überspitzt oder verallgemeinernd wirken. Ich mache es aber trotzdem. Weil ich es darf und Frau Schröder offensichtlich nicht. Und weil es mir die Chance gibt, diese Thematik hoffentlich sachlich und unideologisch mit Euch zu diskutieren ohne die Polemik politischer Coleur oder die Sensationslust der Medien.

Meine Meinung ist klar: Alice Schwarzer hat ein harmloses, vernünftiges und keinesfalls polarisierendes Interview von Kristina Schröder dafür missbraucht PR in eigener Sache zu machen. Ein „offener Brief“ an die Familienministerin! Und warum? Weil Frau Schröder gesagt hat, dass sie feministische Thesen über die sexuelle Unterwerfung der Frau nicht nachvollziehen kann? Und weil sie gesagt hat, dass wir Frauen an der Lohnungerechtigkeit ein Stück weit selbst Schuld sind? Und weil sie die Frauenquote ablehnt?

Wohl kaum.

Der wahre Grund hinter dieser Debatte ist viel mehr das Hauptproblem von Frauen untereinander: Dass sie einander beneiden und sich so wahnsinnig schwer tun, die Leistung anderer Frauen anzuerkennen und ihnen den Erfolg oder Ruhm zu gönnen. Sie gehen mit anderen Frauen viel härter ins Gericht als mit Männern.

Und warum?

Weil Alice Schwarzer & Co. sich nicht eingestehen wollen, dass die jungen und modernen Frauen kein feministisches Manifest mehr benötigen, um im Leben zu bestehen, sondern ihren Weg selbstbewusst, unideologisch und unverkrampft gehen wollen. Weil sie nicht wahrhaben können, dass heutzutage hinter starken und erfolgreichen Frauen in der Regel eher mutige, partnerschaftliche und starke Männer als Feministinnen stehen.  Jahrzehntelang hatten sie etwas für das (bzw. wogegen) sie kämpfen konnten. Das Patriarchat, Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Unterdrückung. Und plötzlich müssen sie feststellen, dass die jungen Frauen nicht mehr mitkämpfen wollen. Natürlich liegt der Vorwurf der „Undankbarkeit“ dann nahe. Der häufigste Vorwurf lautet daher, dass wir jungen und unabhängigen Frauen uns auf den Errungenschaften des Feminismus ausruhen, diese für selbstverständlich nehmen und vergessen wem wir diese zu verdanken haben.

Ok, kann ich nachvollziehen. Ihr habt toll gekämpft, danke.

Aber der Feminismus (wenn man ihn überhaupt so nennen möchte) hat sich verändert. Es geht heute viel mehr um den Anspruch, dass Mann und Frau die Chance haben, denselben Lebensweg zu gehen. Und nicht mehr um den Kampf gegen das Patriarchat. Die alten Thesen passen nicht mehr zu unserem heutigen Weltbild und wir können und wollen uns damit auch gar nicht mehr identifizieren. Wir sind stolze und selbstbewusste Frauen, nicht stolze und selbstbewusste Feministinnen.

Unser Geschlecht ist uns nicht mehr so wichtig, wir definieren uns über andere Dinge.

Natürlich gibt es diverse Voraussetzungen, die wir gerade in Deutschland noch verbessern müssen, um die Chancen für denselben Lebensweg von Männern und Frauen zu schaffen und das Potential von Frauen für unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftsleben noch viel besser zu nutzen:

Mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten, mehr Akzeptanz für berufstätige Mütter, mehr Respekt unter Frauen unabhängig vom Lebensmodell, mehr Vertrauen in die Stärken und Kompetenzen von Frauen. Aber die lösen wir nicht mit politischen Richtlinien und Gesetzen für Lohngleichheit, Frauenquote und einer Verlängerung des Mutterschutzes.

Denn ich stimme Kristina Schröder absolut zu, wenn Sie sagt, dass Frauen eine Mitschuld daran tragen, dass sie weniger verdienen. „Viele Frauen studieren gerne Germanistik und Geisteswissenschaften, Männer dagegen Elektrotechnik – und das hat eben auch Konsequenzen beim Gehalt“. Doch die Wahl des Studiengangs ist nur ein Teil des Grundes für Lohnungleichgewicht. Ein viel gewichtigerer Grund ist, dass die meisten Frauen sich einfach unter Wert verkaufen. Ich verallgemeinere und überspitze jetzt mal ganz bewusst, um diesen Punkt ganz deutlich zu machen:

Eine Frau stellt ihr Licht gerade in Bewerbungs- , Beförderungs- und Gehaltsgesprächen permanent unter den Scheffel. Auf die Frage „Haben Sie einen solchen Job schon mal gemacht?“ antwortet sie viel zu ehrlich: „Nein, habe ich noch nicht, aber ich bin mir sicher, dass ich das nach einer intensiven Einarbeitungsphase mit parallelem Selbststudium evtl. hoffentlich vielleicht schaffen könnte“.

Ein Mann antwortet: „Ja“.

Nächstes Beispiel. Ein Mann und eine Frau haben bisher beide 48.000 Euro Bruttogehalt verdient und bewerben sich auf dieselbe Stelle. Im Gespräch wird die Frau gefragt: „Was möchten Sie verdienen?“ Ihre Antwort: „ Zur Zeit verdiene ich 48.000 Euro würde mich aber gerne ein bisschen steigern, wenn das ginge. Antwort: „Das geht leider nicht“. Darauf die Frau: „Kein Problem, Gehalt ist für mich auch nicht so wichtig, ich würde den Job dennoch gerne machen.“

Die Antwort des Mannes auf dieselbe Frage: 60.000 Euro.

Und schon verdient er 25% mehr als die Frau.

Sehr überspitzt, ich weiß, aber viel zu oft die Realität, wie ich in diversen Gesprächen mit Bewerbern oder im Freundes- und Bekanntenkreis schon oft mitbekommen habe.

Was ich mit dem Beispiel deutlich machen möchte? Wir müssen Frauen viel mehr helfen, sich selbst zu helfen (oder vor sich selbst zu schützen) als sie mit ideologischen Parolen zu indoktrinieren.

Der Kampf der traditionellen Feministinnen ist gekämpft.

Nun ist es an jeder einzelnen Frau, das für sie Beste und Meiste aus ihrem Leben herauszuholen. Denn Chancengleichheit definiert sich heutzutage für mich darüber, dass wir Frauen alleine entscheiden dürfen, welchen Weg wir gehen wollen. Ohne Regeln, ohne Vorschriften, ohne Grenzen. Keiner sagt mehr, wie es sein muss. Ob wir uns für Karriere, Familie oder beides entscheiden, liegt in unserem eigenen Ermessen. Die große Herausforderung besteht lediglich darin, dass wir einander diesen Freiraum lassen. Und ihn akzeptieren, respektieren und hoffentlich sogar bewundern.

Das fällt bisher eher den Frauen schwer. Nicht den Männern.