Seit mein Sohn minus zwei Monate alt ist, bloggt er. Viel mehr blogge ich für ihn. Damit angefangen habe ich eigentlich, weil ich die letzten Wochen der Schwangerschaft langweilig fand und die ersten Monate unseres Familienlebens irgendwie festhalten wollte. Gerne auch mit Fotos und Verlinkungen. Und das geht in einem normalen Offline-Tagebuch eben nicht. Also startete ich John´s Blog. Bevor er auf der Welt war, hieß das Blog natürlich nicht John´s Blog, sondern „Baby Blog“. Soviel Privatsphäre wollte ich unserem Ungeborenen dann doch zugestehen. Viel mehr aber auch nicht.
Denn John´s Blog kommentiert sein eigenes Leben aus seiner Perspektive. Ironisch, wenig selbstkritisch, schonungslos und humorvoll. Mit Fotos, Videos, links und Hintergründen. Habe ich ihn gefragt, ob ich das überhaupt machen soll oder darf? Nein, denn er konnte bis vor wenigen Wochen nicht antworten. Habe ich über die Konsequenzen eines solchen Blogs nachgedacht? Ja, sehr intensiv.
Darüber wer dieses Blog alles liest und ob man es auch gegen ihn verwenden kann. Darüber ob man in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen eingreift, der noch nicht selbst entscheiden kann. Darüber, ob es da draußen Menschen gibt, die ihm etwas Böses wollen und das Blog sie zusätzlich ermutigt. Darüber, ob wir nicht unsere familiäre Privatsphäre aufgeben und zu sehr hinter die Kulissen blicken lassen. Und darüber, dass diese Inhalte für immer im Netz zu finden sein werden.
Dennoch bin ich immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass das Blog mehr hilft als schadet. Es hilft mir und meinem Mann all unsere Erinnerungen an die Kindheit unseres Sohnes an einem unzerstörbaren Ort zu sammeln. Es ermöglicht unseren Familien und Freunden jederzeit an John´s Leben teilzunehmen, seien sie auch noch so weit weg. Es hält mich immer wieder dazu an, Fotos von ihm zu machen und die gemeinsamen Erlebnisse zu reflektieren. Und es zwingt mich zu einer ordentlichen Portion Selbstkritik oder zumindest Selbstanalyse, wenn ich aus seinen Augen über mich sich selbst berichte.
Reichen diese Gründe, um sein Kind so der Öffentlichkeit zu präsentieren? Viele von Euch werden sagen: Nein! Das sagen auch viele aus meiner Familie und meinem Freundeskreis. Und ich kann sie verstehen. Denn die häufige Frage ist: Warum machst Du keinen Passwort-geschütztes Blog? Dann behältst Du auch alle Erinnerungen für immer, dann können auch Eure Familien und Freunde mitlesen. Dann kannst Du Dich auch kritisch reflektieren. Warum also diese Zurschaustellung? Sie dient keinem der drei oben genannten Gründe. Also pure Profilneurose? Nach dem Motto: Schaut mal was für ein süßes Kind ich habe, schaut mal was für eine glückliche Familie wir sind. Seht mal, ich bin gar nicht die toughe Verena für die ihr mich haltet. Ich kann auch lustig und selbstkritisch sein.
Mmh…wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Sicherlich bin ich stolz auf meine Familie und in diesem Fall besonders auf meinen Sohn. Und natürlich freue ich mich, wenn ein neuer Blogpost online ist und Freunde, Familie aber auch viele andere Menschen mir sagen oder schreiben, wie gerne sie das Blog lesen. Und natürlich ist es auch ein bisschen Profilneurose, dass ich all dieses nicht hinter Passwortschutz für hundert Menschen, sondern ohne Schutz für Hunderte schreibe.
Andererseits bin das auch einfach ich. Es ist authentisch. Ich möchte John zu einem offenen, verantwortungsbewussten und aufgeschlossenen Menschen erziehen. Ich möchte Social Media mehr als Chance und nicht so sehr als Gefahr sehen. Mir macht es Spaß mit Menschen zu diskutieren, gerne auch kontrovers. Ich trage mein Herz auf der Zunge, bin extrovertiert und nicht besonders schüchtern. Ich sage meine Meinung, bin dabei manchmal unbequem, aber auch immer selbstkritisch. Ich liebe es ironisch zu schreiben und mich selbst auf die Schippe zu nehmen. Und da ist John wie eine Figur, die ich erfunden habe, um all dieses machen zu können. Dass er mein Sohn ist, macht es noch schöner, da ich mir die Geschichten nicht ausdenken muss, sondern sie wirklich passiert sind. Es macht meine Posts über ihn authentisch und menschlich. Einfach real.
Und das ist genau das, was Social Media für mich ausmacht. Reale, menschliche und authentische Geschichten. Viel Mensch, wenig Fassade, viel Wahrheit. Vor diesem Hintergrund schwindet für mich der Schrecken, dass die Inhalte nie gelöscht werden können, immer auffindbar bleiben. Wenn mein Sohn das eines Tages genauso sieht, wird er stolz auf sein Blog sein. Wenn nicht, werde ich zumindest eine gute Erklärung haben, warum ich es gemacht habe.
Schlagworte: John´s Blog, Persönlichkeitsrechte
















Mag sein, dass dein Sohn auf das Blog stolz sein wird. Wenn hänselnde Schulkameraden das dort geschriebene zum Anlass persönlicher Angriffe und Gängeleien nehmen, wird er es aber nicht mehr sein oder es zumindest nicht mehr zugeben können. Aus diesen Gründen habe ich die Informationen, die ich über meine Kinder veröffentlicht habe, stets in einem sehr knappen Umfang gehalten. Sie sollten später selbst einmal entscheiden können, was über sie aufzufinden ist. Und sie haben das inzwischen tatsächlich in die Hand genommen und sind, was den Schutz ihrer persönlichen Daten und Informationen betrifft, wesentlich vorsichtiger als ihr Vater. Die Worte »Gell, du schreibst doch da jetzt nichts über uns, das geht keinen was an!« habe ich schon sehr oft gehört und ich werde mich daran halten.
Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn ich Kinder hätte.
Letztendlich aber kann ich Deine Argumentation absolut nachvollziehen, solange Du sie nicht im Alleingang getroffen hast, sondern Dein Mann Dich unterstützt und Ihr diesen Weg als Familie geht.
Wie ich Deinen Kleinen kennen gelernt habe, wird er sich freuen, wenn er später in der Lage sein wird, die Texte zu lesen.