Archiv für November 2009

Mein Sohn bloggt – darf ich das?

Montag, 23. November 2009

Seit mein Sohn minus zwei Monate alt ist, bloggt er. Viel mehr blogge ich für ihn. Damit angefangen habe ich eigentlich, weil ich die letzten Wochen der Schwangerschaft langweilig fand und die ersten Monate unseres Familienlebens irgendwie festhalten wollte. Gerne auch mit Fotos und Verlinkungen. Und das geht in einem normalen Offline-Tagebuch eben nicht. Also startete ich John´s Blog. Bevor er auf der Welt war, hieß das Blog natürlich nicht John´s Blog, sondern „Baby Blog“. Soviel Privatsphäre wollte ich unserem Ungeborenen dann doch zugestehen. Viel mehr aber auch nicht.

Denn John´s Blog kommentiert sein eigenes Leben aus seiner Perspektive. Ironisch, wenig selbstkritisch, schonungslos und humorvoll. Mit Fotos, Videos, links und Hintergründen. Habe ich ihn gefragt, ob ich das überhaupt machen soll oder darf? Nein, denn er konnte bis vor wenigen Wochen nicht antworten. Habe ich über die Konsequenzen eines solchen Blogs nachgedacht? Ja, sehr intensiv.

Darüber wer dieses Blog alles liest und ob man es auch gegen ihn verwenden kann. Darüber ob man in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen eingreift, der noch nicht selbst entscheiden kann. Darüber, ob es da draußen Menschen gibt, die ihm etwas Böses wollen und das Blog sie zusätzlich ermutigt. Darüber, ob wir nicht unsere familiäre Privatsphäre aufgeben und zu sehr hinter die Kulissen blicken lassen. Und darüber, dass diese Inhalte für immer im Netz zu finden sein werden.

Dennoch bin ich immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass das Blog mehr hilft als schadet. Es hilft mir und meinem Mann all unsere Erinnerungen an die Kindheit unseres Sohnes an einem unzerstörbaren Ort zu sammeln. Es ermöglicht unseren Familien und Freunden jederzeit an John´s Leben teilzunehmen, seien sie auch noch so weit weg. Es hält mich immer wieder dazu an, Fotos von ihm zu machen und die gemeinsamen Erlebnisse zu reflektieren. Und es zwingt mich zu einer ordentlichen Portion Selbstkritik oder zumindest Selbstanalyse, wenn ich aus seinen Augen über mich sich selbst berichte.

Reichen diese Gründe, um sein Kind so der Öffentlichkeit zu präsentieren? Viele von Euch werden sagen: Nein! Das sagen auch viele aus meiner Familie und meinem Freundeskreis. Und ich kann sie verstehen. Denn die häufige Frage ist: Warum machst Du keinen Passwort-geschütztes Blog? Dann behältst Du auch alle Erinnerungen für immer, dann können auch Eure Familien und Freunde mitlesen. Dann kannst Du Dich auch kritisch reflektieren. Warum also diese Zurschaustellung? Sie dient keinem der drei oben genannten Gründe. Also pure Profilneurose? Nach dem Motto: Schaut mal was für ein süßes Kind ich habe, schaut mal was für eine glückliche Familie wir sind. Seht mal, ich bin gar nicht die toughe Verena für die ihr mich haltet. Ich kann auch lustig und selbstkritisch sein.

Mmh…wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Sicherlich bin ich stolz auf meine Familie und in diesem Fall besonders auf meinen Sohn. Und natürlich freue ich mich, wenn ein neuer Blogpost online ist und Freunde, Familie aber auch viele andere Menschen mir sagen oder schreiben, wie gerne sie das Blog lesen. Und natürlich ist es auch ein bisschen Profilneurose, dass ich all dieses nicht hinter Passwortschutz für hundert Menschen, sondern ohne Schutz für Hunderte schreibe.

Andererseits bin das auch einfach ich. Es ist authentisch. Ich möchte John zu einem offenen, verantwortungsbewussten und aufgeschlossenen Menschen erziehen. Ich möchte Social Media mehr als Chance und nicht so sehr als Gefahr sehen. Mir macht es Spaß mit Menschen zu diskutieren, gerne auch kontrovers. Ich trage mein Herz auf der Zunge, bin extrovertiert und nicht besonders schüchtern. Ich sage meine Meinung, bin dabei manchmal unbequem, aber auch immer selbstkritisch. Ich liebe es ironisch zu schreiben und mich selbst auf die Schippe zu nehmen. Und da ist John wie eine Figur, die ich erfunden habe, um all dieses machen zu können. Dass er mein Sohn ist, macht es noch schöner, da ich mir die Geschichten nicht ausdenken muss, sondern sie wirklich passiert sind. Es macht meine Posts über ihn authentisch und menschlich. Einfach real.

Und das ist genau das, was Social Media für mich ausmacht. Reale, menschliche und authentische Geschichten. Viel Mensch, wenig Fassade, viel Wahrheit. Vor diesem Hintergrund schwindet für mich der Schrecken, dass die Inhalte nie gelöscht werden können, immer auffindbar bleiben. Wenn mein Sohn das eines Tages genauso sieht, wird er stolz auf sein Blog sein. Wenn nicht, werde ich zumindest eine gute Erklärung haben, warum ich es gemacht habe.

Warum ich blogge? – live, authentisch, unvorbereitet

Dienstag, 17. November 2009

Die Fragen wurden mir gestellt von Sachar.

Kind & Karriere – wieso ich keine Rabenmutter bin.

Montag, 16. November 2009

Soll ich wirklich über dieses Thema schreiben? Irgendwie kann man da nur verlieren.  Auf der anderen Seite gibt es wahrscheinlich kein Thema, welches Frauen in Deutschland mehr bewegt als die Frage, ob man Kind und Karriere unter einen Hut bekommen kann, darf, muss, möchte.

Ich möchte. Und ich darf. Und ich kann. Aber ich muss nicht. Und das ist wahrscheinlich entscheidend für meine Einstellung zu diesem Thema. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass jede Frau (und damit ihre Beziehung und die Kinder selber) maximal glücklich ist, wenn sie ihr eigenes Modell gewählt hat. Wenn sie den Weg geht, den sie selber gehen möchte und es nicht Anderen zu liebe tut. Glück und Zufriedenheit hängen für mich nicht davon ab, für welche Variante man sich entscheidet, sondern ob man 100% hinter seiner Entscheidung steht. Gegen alle Widerstände.

Eine Frau, die zu Hause bleibt, weil es irgendwer von ihr erwartet, obwohl sie eigentlich lieber arbeiten würde ist genauso unzufrieden wie diejenige, die arbeiten geht, um irgendwem etwas zu beweisen, obwohl sie am liebsten den ganzen Tag mit ihren Kindern zusammen wäre. Natürlich unterstelle ich mit der freien Auswahl der Optionen den Luxus, dass man nicht arbeiten muss, wenn man lieber zu Hause bleiben möchte. Natürlich gilt dieses für die Mehrzahl der Frauen in Deutschland nicht. Sie haben schlichtweg keine Wahl, ob sie arbeiten möchten oder nicht. Sie müssen.

Aber auf all diejenigen, die nicht müssen, trifft meine These zu. Glaube ich zumindest. Wenn fulltime mums, working mums missionieren wollen, dann kann das zwei Gründe haben. Entweder sind sie einfach so überzeugt von ihrem eigenen Modell, dass sie der Meinung sind, es wäre das Beste für jede Frau es ihnen nachzumachen. Oder – und das ist meiner Erfahrung nach häufiger der Fall – sie sind mit ihrer ausschließlichen Mutterrolle nicht zufrieden. Vielleicht weil diese sie nicht ausfüllt oder sie sich unterfordert fühlen. Vielleicht, weil ihnen ihr Umfeld zu wenig Wertschätzung entgegenbringt oder weil sie den Zeiten hinterher trauern, in denen sie selber erfolgreich im Berufsleben standen.

Wenn working-mums hingegen fulltime mums belächeln, dann offensichtlich, weil sie bei sich selbst etwas vermissen, sich überfordert fühlen, glauben ihren Kindern nicht gerecht zu werden, Angst haben, dass die häufige Abwesenheit zu Defiziten führt oder bedauern, dass immer die Nanny zum Turnen und Basteln geht und nie sie selbst. Und das lässt man dann eben am liebsten an Frauen aus, die das Leben führen, welches man zum Teil selber gerne hätte. Menschlich? Vielleicht. Erstrebenswert? Nein.

Ist man hingegen zufrieden, mit dem Weg, den man gewählt hat – egal ob fulltime mum, part-time mum oder working mum – hat man keinen Grund andere zu kritisieren oder zu beneiden. Denn man ist ganz einfach glücklich. Und freut sich über jeden, der es auch ist.

Ich bin glücklich. Als working mum. Denn ich liebe es zu arbeiten. Und ich liebe meine Familie. Für mich ist es das schönste Leben, morgens mit meinen Männern zu frühstücken, dann zehn Stunden zu arbeiten und abends noch 1-2 Stunden mit meinem Sohn zu verbringen. Wenn er dann um 20 Uhr ins Bett geht, habe ich Zeit für meinen Mann, Sport, noch mehr Arbeit oder Freunde. Nichts machen kann ich nicht. Ich kann es wirklich nicht. Ich muss einfach immer was machen. Insofern würde ich meinem Sohn stark auf den Keks gehen, wenn ich den ganzen Tag bei ihm wäre. Denn er müsste die ganze Zeit etwas machen. Und zwar wahrscheinlich sehr oft das, was ich gerade machen möchte. Und das würde ihm wenig Spaß machen. Oder gar keinen.

So hingegen komme ich abends nach Hause, habe viel erlebt und nutze die Zeit mit ihm, um zu entspannen und abzuschalten. Er ist mein perfekter Schutz vor mir selbst. Ohne ihn würde ich wahrscheinlich nie zur Ruhe kommen, würde immer viel zu lange arbeiten und hätte wenig Ausgleich. Durch ihn habe ich „best of both worlds“.

Für mich lässt sich die ganze Diskussion um dieses Thema hervorragend mit „leben – und leben lassen“ zusammenfassen. Wenn man für sich selbst das optimale Modell gefunden hat (was schwer genug ist), dann sollte man es keiner anderen Frau schwermachen ihren Weg zu gehen. Denn das macht einen selbst kein Stück glücklicher. Im Gegenteil.

“twitter ist reine Zeitverschwendung”

Dienstag, 10. November 2009

Keinen Satz höre ich so oft wie diesen, wenn es um die neuen Medien und Digital Relations geht. Und kein Satz wird leidenschaftlicher vertreten, teilweise sogar mit einer gewissen Aggressivität. Unaufgefordert. Und ausschließlich von Menschen, die twitter nicht nutzen. Wobei man die Aussage auch beliebig auf facebook, Blogs und Chats erweitern kann. Die Vehemenz der Ablehnung bleibt dieselbe. Aus Angst wovor? Vor dem bösen Internet voller Gefahren und Abgründe? Wohl kaum. Aus Angst davor, dass die kostbare freie Zeit jenseits von Büro und Alltagsstress nun auch noch von diesen neuen Medien aufgefressen wird? Vielleicht schon eher. Oder ist es viel eher Ignoranz statt Angst? Nach dem Motto: Einfach ganz intensiv weggucken, dann geht dieses komische Phänomen „Social Media“ schon vorbei, ohne dass ich mich damit beschäftigen musste. So wie Kinder, die sich die Augen zuhalten und dann glauben, man würde sie nicht mehr sehen. Genauso blendet man die neuen Medien aus in der Hoffnung, dass sie sich dadurch in Luft auflösen. Und man kann dann hinterher stolz behaupten, man hätte immer gewusst, dass es Zeitverschwendung gewesen sei, sich überhaupt mit so einer Eintagsfliege zu beschäftigen.

Warum führt twitter bei so vielen Menschen zu so einer intensiven Reaktion? Warum ist die Welt so schwarz-weiß, wenn es um twitter geht? Man liebt es oder man hasst es. Kaum jemand ist indifferent.

Meine starke Vermutung ist, dass Menschen immer dann besonders gerne gegen etwas sind, wenn sie sich damit entweder noch nicht richtig beschäftigt oder es nicht verstanden haben. Die Abwehrhaltung ist wie ein Schutzwall, den man aufbaut.

Die Unterstellung, dass es bei twitter ausschließlich um das Wetter sowie repetitive Tagesabläufe von öffentlichkeitssüchtigen Menschen geht, ist eindeutig zu kurz gedacht. Natürlich geht es auch darum, und das ist auch gut. Denn selbstverständlich interessiert mich auch die Person hinter dem Profil. Was macht sie, wo fährt sie hin, was bewegt sie, hat sie Kinder, ist sie verheiratet, wie sieht ihr Tagesablauf aus? Diese Informationen führen zu einem Gesamtbild. Sie liefern Erklärungen dafür, warum Menschen Meinungen vertreten. Sie liefern Hintergründe, die mir das Gefühl geben, die Menschen auf twitter ein wenig zu kennen. All das macht twitter menschlich. Und entkräftet für mich den Vorwurf, dass wir durch die Digitalisierung unseres Lebens soziale Kontakte vernachlässigen und das Interesse an realen Menschen verlieren. Denn wenn wir uns physisch kennenlernen oder wiedersehen, tauschen wir häufig nur Banalitäten aus, machen Smalltalk. Wie geht es Dir, bist Du verheiratet, wo wohnt ihr, was machst du beruflich, wann bist du heute aufgestanden, hast du schon gegessen, was machst du heute Abend, wo fährst Du gerade hin? Völlig legitime Fragen? Warum darf man die Antworten dann nicht ungefragt bei twitter schreiben. Es erspart der Gegenseite sogar die Frage. Und man muss die Antwort nur ein Mal geben, und jeder weiß Bescheid.

Aber wie gesagt: Es geht nur zum Teil um diesen Smalltalk. In erster Linie geht es um Veranstaltungshinweise, Links zu Neuigkeiten, Hintergründen, Blogpostings, Livestreams, Videos und auch um Umfragen, Meinungsäußerungen und Analysen von gesellschaftlichen Strömungen. Um Politik, Wirtschaft und Finanzen. Um Sport, Musik und das Kinoprogramm.

Für mich ist twitter ein Newsfeed aus den Köpfen von interessanten Menschen. Menschen, die in einer anderen Branche arbeiten, Menschen, die ein anderes Leben führen oder Menschen, in denen ich mich selbst erkenne. twitter erweitert meinen Horizont, twitter macht mich toleranter, twitter lässt mich meine eigene Meinung stärker reflektieren. Ich versetze mich  in andere Menschen, hinterfrage deren Lebensmodell und ihre Gedanken, wäge ihre Argumente ab, forme daraus meine eigene Meinung. Sie ist differenzierter als zu Zeiten, in denen ich selbst skeptisch twitter gegenüberstand und den Dienst noch nicht nutzte. Wenn ich Zeitung lese oder fernsehe, bin ich mit meinen Gedanken alleine, kann maximal einen Kommentar zu einem Artikel lesen oder mich auf die Darstellungsweise des Moderators verlassen. Bei twitter treffen verschiedene Meinungen und Denkansätze aufeinander und zwingen mich dazu, ein Thema umfassender zu betrachten.

Versteht mich nicht falsch: Es muss nicht jeder bei twitter sein. Im Gegenteil, das soll jeder für sich selbst entscheiden. Aber wenn man dagegen ist, sollte man eine bessere Begründung haben als nur „twitter ist reine Zeitverschwendung“.